Netzhauttransplantation: Eine blinde Frau sieht wieder – was diese Weltpremiere wirklich verändert
In Turin hat ein Team die Makula und den vorderen Augenabschnitt von einem Auge auf das andere Auge derselben Patientin übertragen, die nach mehr als fünf Jahren Blindheit ein Teilsehvermögen zurückgewonnen hat. Das entscheidende Wort ist nicht „Netzhaut“, sondern „derselben Patientin“. Es handelt sich nicht um eine Transplantation von einem Spender, sondern um eine Autotransplantation – und diese Unterscheidung, die in den meisten Presseberichten verloren geht, erklärt zugleich, warum der Eingriff funktionieren konnte und warum er für die häufigsten Netzhauterkrankungen nicht in Frage kommt, allen voran die altersbedingte Makuladegeneration (AMD).
WAS GESCHEHEN IST
Was das Turiner Team tatsächlich getan hat
Das Krankenhaus Molinette, das zur Azienda Ospedaliero-Universitaria Città della Salute e della Scienza in Turin gehört, hat den Eingriff am 26. Juli 2026 bekannt gegeben. Die Operation selbst hatte etwa drei Wochen zuvor stattgefunden: Die Bekanntgabe wurde aufgeschoben, um zu prüfen, ob das Transplantat hielt und die Patientin tatsächlich Sehvermögen zurückgewann. Geleitet wurde das Team von Prof. Michele Reibaldi, dem Leiter der Universitätsaugenklinik des Hauses. Die Patientin, eine 67-jährige Frau, war seit mehr als fünf Jahren erblindet.
Eine begriffliche Klarstellung ist gleich zu Beginn nötig, denn die Presseüberschriften kursierten weithin in der Form „Netzhauttransplantation“. Verpflanzt wurde nicht die gesamte Netzhaut, sondern ein anatomischer Block aus Hornhaut, Lederhaut, Bindehaut und dem zentralen Anteil der Netzhaut, also der Makula. Anders gesagt: Das optische Fenster an der Vorderseite des Auges und die Zone des scharfen Sehens an seiner Rückseite sind gemeinsam, in einem einzigen Handgriff, von einem Auge zum anderen gewandert.
Eine Patientin, zwei Augen, zwei entgegengesetzte Probleme
Um zu verstehen, warum dieser Eingriff sinnvoll ist, muss man sich das Auge als Kette aus drei Gliedern vorstellen: ein optisches System vorn (Hornhaut, Linse), das das Bild erzeugt, ein Sensor hinten (die Netzhaut, deren hochauflösendes Zentrum die Makula ist), und ein Kabel (der Sehnerv), das das Signal zum Gehirn leitet. Reißt auch nur ein einziges Glied, hört das Sehen auf – unabhängig vom Zustand der beiden anderen.
Bei dieser Patientin waren beide Augen außer Funktion, aber aus entgegengesetzten Gründen:
- Das linke Auge hatte nach einem Verkehrsunfall einen unwiederbringlich geschädigten Sehnerv. Das Kabel war durchtrennt. Optik und Sensor dagegen waren gesund geblieben: eine klare Hornhaut, eine funktionsfähige Makula, ein tadellos gebautes Auge, das zu nichts mehr diente.
- Das rechte Auge hatte umgekehrt einen Sehnerv behalten, der das Signal noch leiten konnte, litt aber an einer Makulopathie, verschlimmert durch Verletzungen, die auch die Durchsichtigkeit der Hornhaut beeinträchtigt hatten. Das Kabel funktionierte, Optik und Sensor waren zerstört.
Die Logik des Eingriffs wird damit augenfällig: die intakten Glieder des linken Auges nehmen und sie auf das einzige noch funktionsfähige Kabel verpflanzen, das des rechten Auges. Es ist diese Überlegung, mehr als die technische Leistung, die den Fall besonders macht.
Ein Gewebeblock, keine Membran
Die chirurgische Schwierigkeit liegt in der Natur dessen, was verlagert wird. Eine Hornhauttransplantation handhabt ein durchsichtiges Blättchen von einigen hundert Mikrometern Dicke, gefäßlos, das sich durch Imbibition ernährt. Hier enthielt der übertragene Block gefäßführende Gewebe und ein Stück Nervengewebe – die Makula –, dessen Überleben von seiner Durchblutung abhängt. Technischen Beschreibungen in der Fachpresse zufolge soll das Team die langen hinteren Ziliararterien erhalten haben, um die Durchblutung des Transplantats während der Übertragung aufrechtzuerhalten; diese Angabe findet sich allerdings nur in einer einzigen Quelle und wurde von der Pressemitteilung des Krankenhauses nicht bestätigt.
Der Eingriff soll etwa sechs Stunden gedauert haben – eine Zahl, die von den französischsprachigen Agenturmeldungen übernommen wurde, in den ursprünglichen italienischen Mitteilungen aber nicht vorkommt.

DAS WORT, DAS ALLES ÄNDERT
Autotransplantation oder Spendertransplantat: warum der Unterschied entscheidend ist
In der medizinischen Fachsprache bezeichnet eine Autotransplantation ein Gewebe, das einem Patienten entnommen und demselben Patienten wieder eingesetzt wird. Eine Allotransplantation bezeichnet ein Gewebe, das von einem anderen Menschen stammt, meist von einem verstorbenen Spender. Die gesamte Transplantationsmedizin ist um diese Unterscheidung herum aufgebaut, weil sie die Reaktion des Immunsystems bestimmt.
Ein Transplantat von einem Spender trägt Oberflächenmerkmale, die der Organismus des Empfängers nicht als die eigenen erkennt. Er greift sie an. Das ist die Abstoßung, die bei den meisten Organtransplantationen eine lebenslange immunsuppressive Behandlung erzwingt, mit allem, was daran hängt: erhöhtes Infektionsrisiko, regelmäßige Laborkontrollen, Nebenwirkungen. Im Turiner Fall stellt sich diese Frage schlicht nicht. Das Gewebe stammt von der Patientin: Ihr Immunsystem hat keinen Grund, sich dagegen zu wehren.
Was das konkret erspart
Das ist ein Punkt, den ich aus meiner täglichen Arbeit mit der Hornhauttransplantation heraus veranschaulichen kann. Die Hornhaut ist immunologisch ein privilegiertes Gewebe: Sie enthält keine Blutgefäße, was sie der Überwachung durch das Immunsystem teilweise entzieht. Deshalb kommt eine Keratoplastik in aller Regel ohne allgemeine Immunsuppression aus, während eine Nieren- oder Lebertransplantation sie verlangt. Trotz dieses Vorteils bleibt die Abstoßung die Komplikation, die man fürchtet und über Jahre hinweg überwacht, mit lange gegebenen Kortison-Augentropfen und engmaschiger Nachsorge.
Übertragen Sie diese Belastung auf ein Transplantat, das retinales Nervengewebe und gefäßführende Gewebe enthält, die ihrerseits kein immunologisches Privileg besitzen: Die Abstoßung würde zum zentralen Hindernis. Indem sich das Turiner Team dieser Frage entzogen hat, hat es eine der unberechenbarsten Größen aus der Gleichung gestrichen. Das nimmt der Schwierigkeit des Eingriffs nichts, aber es rückt zurecht, was der Fall belegt – und was er nicht belegt.
HORNHAUT
Warum eine klassische Hornhauttransplantation nicht genügt hätte
Eine Frage stellt sich ganz von selbst: Wenn die Hornhaut des rechten Auges getrübt war, warum hat man dann nicht einfach eine Spenderhornhaut transplantiert, wie es routinemäßig geschieht? Die Antwort hat zwei Teile.
Der erste liegt auf der Hand: Eine neue Hornhaut hätte nichts genützt, solange die Makula dahinter zerstört blieb. Das Fenster durchsichtig zu machen, gibt das Sehen nicht zurück, wenn der Sensor außer Betrieb ist. Man hätte ein Auge aufgehellt, ohne ihm das Sehen zurückzugeben.
Der zweite ist technischer und verdient eine Erläuterung, denn er betrifft auch Patientinnen und Patienten, die ich in der Sprechstunde sehe. Die Durchsichtigkeit der Hornhaut ist kein ein für alle Mal erworbener Zustand: Sie wird fortwährend von einer Population von Stammzellen aufrechterhalten, die im Limbus sitzen, der ringförmigen Übergangszone zwischen der Hornhaut und dem Weiß des Auges. Diese Zellen erneuern das Hornhautepithel ein Leben lang und wirken als Barriere: Sie hindern die undurchsichtige, gefäßführende Bindehaut daran, die optische Oberfläche zu überwachsen.

Ist dieser Speicher zerstört – durch eine Verätzung, eine schwere Verletzung oder bestimmte entzündliche Erkrankungen –, spricht man von einer Limbusstammzellinsuffizienz. Die Hornhaut verliert ihre Fähigkeit zur Selbstreparatur, überzieht sich nach und nach mit einem undurchsichtigen, gefäßführenden Bindehautgewebe und wird zu einem feindlichen Untergrund. Ein Spendertransplantat darauf zu setzen, heißt neues Gewebe auf einen Boden zu pflanzen, der es nicht ernähren kann: Das Transplantat trübt sich seinerseits ein, und die Versagerquote ist hoch. Genau in diesen Situationen greift die Chirurgie seit rund zwanzig Jahren auf autologe Limbusstammzelltransplantationen zurück – also auf Zellen, die dem gesunden Auge des Patienten selbst entnommen werden. Eine systematische Übersichtsarbeit im British Journal of Ophthalmology berichtet für diese Techniken über einen anatomischen Erfolg in der Größenordnung von 69 % und einen funktionellen Erfolg von annähernd 60 %, bei einer medianen Nachbeobachtung von etwa einem Jahr und neun Monaten.
Unter diesem Blickwinkel fügt sich der Turiner Eingriff in eine bereits bekannte Logik ein – beim Patienten selbst das Gewebe zu holen, das sich nicht durch ein fremdes Transplantat ersetzen lässt –, treibt sie aber sehr viel weiter, bis dahin, den vorderen Augenabschnitt und die Makula in ein und demselben Block mitzunehmen.
KLARSTELLUNG
Nein, man wird keine Netzhaut transplantieren können, um eine AMD zu behandeln
Das ist die Frage, die diese Meldung in der Sprechstunde aufkommen lassen wird, und man beantwortet sie besser geradeheraus: Dieses Verfahren lässt sich nicht auf die altersbedingte Makuladegeneration übertragen, ebenso wenig auf die diabetische Retinopathie oder auf die meisten erblichen Netzhauterkrankungen. Das ist keine Frage der Mittel oder der Entwicklungszeit. Es ist eine grundsätzliche Unmöglichkeit, und sie beruht auf drei Bedingungen, die bei dieser Patientin allesamt erfüllt waren.
Es braucht ein „Spenderauge“, das gesund, aber endgültig unbrauchbar ist
Das ist die einschränkendste Bedingung. Makula und Hornhaut einem Auge zu entnehmen, heißt, dieses Auge zu opfern. Der Eingriff kommt nur in Betracht, wenn dieses Auge ohnehin nicht mehr sehen kann, und zwar aus einem Grund, der von den entnommenen Geweben unabhängig ist – hier ein durch eine Verletzung zerstörter Sehnerv. Bei einem Menschen mit AMD oder diabetischer Retinopathie betrifft die Erkrankung beide Augen, oft recht symmetrisch. Es gibt kein Auge, das sich opfern ließe, und nirgends eine gesunde Makula, die man entnehmen könnte.
Es braucht einen funktionsfähigen Sehnerv beim Empfängerauge
Die Netzhaut ist kein Gewebe wie jedes andere: Sie ist eine Ausstülpung des Zentralnervensystems, und der Sehnerv ist ein Bündel aus etwa einer Million Nervenfasern. Diese Fasern chirurgisch wieder zu verbinden, kann man heute nicht. Ein Netzhauttransplantat kann also nur dann irgendetwas übermitteln, wenn es in ein Auge eingesetzt wird, dessen Sehnerv und dessen zentrale Sehbahnen leitungsfähig geblieben sind.
Die deutlichste Veranschaulichung dieser Grenze kommt von anderswo. 2024 hat das Team von NYU Langone im JAMA die Nachbeobachtung einer kombinierten Gesichts- und Ganzaugentransplantation veröffentlicht – eine chirurgische Leistung ohnegleichen, mit einem wieder durchbluteten und überlebenden Augapfel. Das visuelle Ergebnis ein Jahr danach steht in einem einzigen Satz des Textes: keine Lichtwahrnehmung im transplantierten Auge. Der Augapfel lebte; der Sehnerv hatte seine Funktion nicht wieder aufgenommen. Solange dieses Schloss nicht aufspringt, bleibt die Augentransplantation in dem Sinne, in dem die Öffentlichkeit sie sich vorstellt, außer Reichweite.
Es braucht eine deutlich seitenungleiche Schädigung
Die beiden vorangehenden Bedingungen müssen bei ein und derselben Person zusammentreffen, und zwar spiegelbildlich: Das gebende Auge muss alles außer dem Nerv haben, das empfangende Auge darf nichts als den Nerv haben. Diese Konstellation ist eine Sache des traumatischen Zufalls. Sie umschreibt keine Patientengruppe, sondern Einzelfälle. Deshalb muss man diese Meldung als das lesen, was sie ist – der Nachweis, dass ein für unmöglich gehaltener Eingriff machbar ist – und nicht als Ankündigung einer künftigen Behandlung für häufige Makulaerkrankungen.
VORGESCHICHTE
Eine Makula verlagern: eine dreißig Jahre alte Idee
Neu am Turiner Eingriff ist die Übertragung von einem Auge auf das andere. Die Idee dagegen, die Makula zu verlagern, um sie aus einer erkrankten Zone herauszubringen, ist alt und hat eine echte klinische Entwicklung erlebt.
In den 1990er-Jahren, vor dem Aufkommen der intravitrealen Injektionen, wurde die Makulatranslokation zur Behandlung der exsudativen AMD entwickelt. Das Prinzip: die Netzhaut vollständig ablösen, sie um den Sehnerv drehen und anschließend so wieder anlegen, dass die Makula auf einer noch gesunden Zone des Pigmentepithels zu liegen kommt, entfernt von der neovaskulären Läsion. Eine 1999 von Eckardt und Kollegen in Graefe’s Archive veröffentlichte Serie berichtete, dass von dreißig operierten Augen etwa 60 % eine zum Lesen ausreichende Sehschärfe erreichten.
Dieses Verfahren wird heute nicht mehr angewandt, und sein Verschwinden ist lehrreich. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit von 2008 kam zu dem Schluss, dass die Evidenz aus randomisierten Studien unzureichend sei, und das in einem Umfeld, in dem die Komplikationen alles andere als selten waren: Netzhautablösung bei sechs von fünfundzwanzig Patienten in einer der ausgewerteten Serien, korrekturbedürftige Doppelbilder bei fünf von fünfundzwanzig. Die Netzhaut zu drehen, dreht nämlich auch das Bild, was häufig einen zweiten Eingriff an den Augenmuskeln erzwingt. Dann kamen die Anti-VEGF-Therapien, und eine schwere Operation musste einer Injektion von wenigen Minuten weichen. Die Lehre gilt auch heute: Eine spektakuläre chirurgische Neuerung ist nicht zwangsläufig diejenige, die sich durchsetzen wird.
VORSICHT
Was man über diesen Fall noch nicht weiß
Man muss beim Status dieser Information deutlich sein. Bis heute ist dieser Fall in keiner Fachzeitschrift mit Begutachtungsverfahren veröffentlicht worden. Alles, was man darüber weiß, stammt aus der Pressemitteilung des Krankenhauses und deren Aufnahme durch die Nachrichtenagenturen. Das ist kein Vorwurf an das Team – zwischen einem Eingriff und seiner wissenschaftlichen Veröffentlichung vergehen Monate –, aber es gebietet Zurückhaltung.
Prof. Michel Paques, Leiter der Augenklinik des Hôpital National des Quinze-Vingts in Paris, hat gegenüber der AFP bestätigt, dass es sich tatsächlich um eine Weltpremiere handelt, zugleich aber betont, dass sich ohne veröffentlichte und begutachtete Daten weder die Technik noch ihre Reproduzierbarkeit noch die angekündigten Ergebnisse objektiv beurteilen lassen. Das ist die richtige Haltung, und es ist die, die ich hier einnehme – zumal ich an diesem Haus als Ehemaliger Chef de Clinique am Hôpital National des Quinze-Vingts (Sorbonne Université) tätig war.
Konkret fehlen mehrere Elemente für eine Beurteilung:
- Das Krankenhaus hat keine bezifferte Sehschärfe mitgeteilt. Das berichtete Ergebnis ist beschreibend: zunächst ein Sehen in Schwarz-Weiß, dann in Farbe; die Patientin hat das Gesicht ihres Sohnes und ihren Blindenführhund erkannt und einen Geldschein identifiziert. Auf mehreren Nachrichtenseiten kursiert ein Sehschärfewert, der jedoch in keiner Primärquelle auftaucht – ich werde ihn deshalb nicht übernehmen.
- Die Nachbeobachtung umfasst erst wenige Wochen. Die entscheidenden Fragen sind aber die des mittleren Zeitraums: Wird die transplantierte Makula weiterhin ausreichend durchblutet bleiben? Wird die Hornhautoberfläche durchsichtig bleiben? Wird die Sehfunktion zunehmen oder sich verschlechtern?
- Weder Bildgebung noch ein ausführliches Protokoll wurden verbreitet – kein OCT, kein Gesichtsfeld, keine vollständige Operationsbeschreibung, anhand deren andere Teams die Reproduzierbarkeit des Eingriffs beurteilen könnten.
Prof. Reibaldi hat selbst darauf hingewiesen, dass seine Patientin nie wieder ein völlig normales Sehvermögen erlangen werde. Dieser Vorbehalt, vom Operateur selbst geäußert, ist wahrscheinlich der nützlichste Satz der gesamten Pressemappe.
IN DER PRAXIS
Was es heute tatsächlich gibt, um Ihr Sehvermögen zu erhalten
Eine Meldung wie diese hat oft eine paradoxe Wirkung: Sie nährt die Hoffnung auf eine künftige Behandlung und lenkt die Aufmerksamkeit von dem ab, was jetzt verfügbar ist. Dabei entscheidet sich bei der großen Mehrheit der Netzhauterkrankungen der Verlauf vor allem daran, wie früh behandelt wird, und nicht an einem Ausnahmeverfahren.
- Exsudative AMD: Die intravitrealen Anti-VEGF-Injektionen stabilisieren die Erkrankung und erhalten bei einem großen Teil der Patientinnen und Patienten die Sehschärfe, sofern sie früh begonnen werden. Eine neu aufgetretene Verzerrung gerader Linien rechtfertigt eine rasche Abklärung.
- Diabetische Retinopathie: Die regelmäßige Untersuchung des Augenhintergrunds bei allen Menschen mit Diabetes erlaubt es einzugreifen, bevor das Sehen nachlässt – also in einem Stadium, in dem der Patient noch nichts spürt.
- Netzhautablösung: Das plötzliche Auftreten von Glaskörpertrübungen, Lichtblitzen oder eines Schattens am Rand des Gesichtsfelds ist ein Notfall. Die Frist bis zur Versorgung bestimmt unmittelbar das Sehergebnis, besonders wenn die Makula noch nicht abgehoben ist.
- Epiretinale Membran: Eine gut indizierte Operation, durchgeführt bevor sich die Verzerrung zu sehr festgesetzt hat, verbessert den Sehkomfort dauerhaft.
- Hornhauttrübungen: Die modernen lamellären Transplantationen, insbesondere die DMEK, ersetzen nur die schadhafte Schicht der Hornhaut. Sie bieten eine schnellere visuelle Erholung und ein geringeres Abstoßungsrisiko als die perforierende Transplantation früherer Zeiten.
Nichts davon kommt auf die Titelseite. Und doch entscheidet sich genau dort, für die allergrößte Mehrheit der Patientinnen und Patienten, der Unterschied zwischen erhaltenem und verlorenem Sehvermögen.
FAQ
Häufige Fragen
Kann man eine Netzhaut transplantieren, um eine AMD zu behandeln?
Nein, und das ist keine Frage der Zeit. Die AMD betrifft beide Augen: Es gibt beim selben Patienten also keine gesunde Makula, die man entnehmen könnte. Der Turiner Eingriff war nur möglich, weil ein Auge intakte Strukturen bewahrt hatte und zugleich durch die Zerstörung seines Sehnervs endgültig blind war – eine Konstellation, die zu den Folgen einer Verletzung gehört und nicht zu einer Netzhauterkrankung. Bei der AMD stützt sich die Behandlung heute auf die intravitrealen Injektionen bei der exsudativen Form und auf die Überwachung bei der atrophischen Form.
Handelt es sich wirklich um eine Netzhauttransplantation?
Teilweise. Der übertragene Block umfasste die Hornhaut, die Lederhaut, die Bindehaut und die Makula, also den zentralen Teil der Netzhaut – nicht die gesamte Netzhaut. Der treffendste Begriff ist der einer kombinierten Autotransplantation des vorderen Augenabschnitts und der Makula. Die von der Presse verwendete Formel „Netzhauttransplantation“ ist eine Vereinfachung, die einen vollständigen Ersatz des Sehsensors nahelegt, was nicht der Fall ist.
Stammte das Gewebe von einem verstorbenen Spender?
Nein. Das ist der zentrale Punkt des Falls: Das Gewebe stammte aus dem linken Auge der Patientin selbst und wurde auf ihr rechtes Auge übertragen. Man spricht von einer Autotransplantation. Diese Herkunft schließt das Risiko einer immunologischen Abstoßung aus und macht jede immunsuppressive Behandlung entbehrlich, anders als bei einem Transplantat von einem Spender.
Wird dieses Verfahren in Frankreich angeboten werden?
Dafür gibt es heute keinen Anhaltspunkt. Der Fall ist noch in keiner begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht, es wurden weder Bilddaten noch ein ausführliches Operationsprotokoll verbreitet, und die Nachbeobachtung zählt nach Wochen. Bevor ein Verfahren in die Praxis eingeht, muss es beschrieben, von anderen Teams reproduziert und über die Zeit bewertet werden. Selbst wenn diese Schritte gelängen, bliebe die Zahl der Patientinnen und Patienten mit der erforderlichen anatomischen Konstellation ohnehin sehr gering.
Warum kann man nicht einfach ein ganzes Auge verpflanzen?
Weil das Hindernis nicht das Auge ist, sondern der Sehnerv. Dieser Nerv ist ein Bündel aus etwa einer Million Nervenfasern aus dem Zentralnervensystem, und man kann sie chirurgisch nicht wieder verbinden. Ein amerikanisches Team hat eine kombinierte Gesichts- und Ganzaugentransplantation durchgeführt: Der transplantierte Augapfel blieb durchblutet und lebendig, doch ein Jahr nach dem Eingriff fand sich in diesem Auge keinerlei Lichtwahrnehmung. Diese Verlaufsbeobachtung wurde 2024 im JAMA veröffentlicht. Was fehlt, ist tatsächlich die nervale Wiederverbindung, nicht die Chirurgie.
Was ist die Makulatranslokation, von der seit den 1990er-Jahren die Rede ist?
Das ist eine Operation aus der Zeit vor den intravitrealen Injektionen, bei der die Netzhaut abgelöst und dann gedreht wurde, um die Makula über einer noch gesunden Zone des Pigmentepithels neu zu positionieren. Sie hat bei einem Teil der Patientinnen und Patienten visuelle Ergebnisse gebracht, allerdings um den Preis häufiger Komplikationen – Netzhautablösung, Doppelbilder, die einen ergänzenden Eingriff an den Augenmuskeln erforderten. Das Aufkommen der Anti-VEGF-Therapien, die wirksamer und weit weniger eingreifend sind, hat sie verdrängt.
Ich habe eine Verschlechterung des zentralen Sehens: Was soll ich tun?
Ärztlichen Rat einholen, ohne den Ausgang laufender Forschung abzuwarten. Eine Verschlechterung des zentralen Sehens, eine Verzerrung gerader Linien oder das Auftreten eines Flecks im Gesichtsfeld rechtfertigen eine augenärztliche Untersuchung mit einem OCT der Makula, das die Ursache der Störung erkennen lässt. Bei den meisten Netzhauterkrankungen hängt die Prognose unmittelbar davon ab, wie früh die Diagnose gestellt wird – dort liegt der wirkliche Hebel, weit mehr als bei Ausnahmeverfahren.
Wissenschaftliche Quellen
- A.O.U. Città della Salute e della Scienza di Torino. Pressemitteilung – okuläre Autotransplantation am Krankenhaus Molinette, 26. Juli 2026.
- Eckardt C, Eckardt U, Conrad HG. Macular rotation with and without counter-rotation of the globe in patients with age-related macular degeneration. Graefes Arch Clin Exp Ophthalmol. 1999;237(4):313-325. PMID: 10208265
- Eandi CM, Giansanti F, Virgili G. Macular translocation for neovascular age-related macular degeneration. Cochrane Database Syst Rev. 2008;(4):CD006928. PMID: 18843739
- Ziemssen F, Gelisken F. Macular translocation — a therapeutic approach for neovascular macular degeneration in the era of anti-VEGF therapy? Klin Monbl Augenheilkd. 2009;226(1):31-37. PMID: 19173161
- Shanbhag SS, Nikpoor N, Rao Donthineni P, Singh V, Chodosh J, Basu S. Autologous limbal stem cell transplantation: a systematic review of clinical outcomes with different surgical techniques. Br J Ophthalmol. 2020;104(2):247-253. PMID: 31118185
- Ceradini DJ, Tran DL, Dedania VS, et al. Combined Whole Eye and Face Transplant: Microsurgical Strategy and 1-Year Clinical Course. JAMA. 2024;332(18):1551-1558. PMID: 39250113
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Haftungsausschluss
Dieser Artikel dient der Information. Eine persönliche augenärztliche Beurteilung bleibt für jede Behandlungsentscheidung unerlässlich.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Konsultation. Er beschreibt einen einzelnen klinischen Fall, der per Pressemitteilung bekannt gegeben und noch nicht in einer begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht wurde; er beschreibt somit keine verfügbare Behandlungsoption. Jede Verschlechterung des Sehens, jede Verzerrung gerader Linien und jedes Auftreten eines Flecks im Gesichtsfeld rechtfertigt eine vollständige augenärztliche Untersuchung einschließlich eines OCT der Makula, das allein die Ursache der Störung und das weitere Vorgehen klären kann.
Verfasst und geprüft von Dr Moïse Tourabaly, Augenarzt und refraktiver Chirurg — ehemaliger Chef de Clinique (CHNO des Quinze-Vingts).
Letzte Aktualisierung: 1. September 2026